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Der Holzwurm und das Baby
Eine Geschichte für
grosse Jungs, kleine Piloten und alte Hasen
von Jürg Schweri
Also diese Geschichte beginnt eigentlich mit dem Ende, aber
beginnen wir doch am Anfang. Es war einmal ein Holzwurm. Sein
Geburtsdatum etwa um 1933. Er wurde, nachdem eine Bandsäge
seine Behausung in eine Latte zurechtgestutzt hatte, in ein Flugzeug,
so nannte man damals diese Konstruktionen, in welchen Menschen
der Schwerkraft entflohen, eingebaut.
Seine neuen Heimat war von nun an in Wittinsburg, einem windigen
Holzschopf, welchen die Leute Hangar nannten. Aber was soll's,
Essen hatte er ja genug! Nun, eines Sonntags, da begann die ganze
Behausung zu rütteln, aufgeregte Stimmen begleiteten diesen
Vorgang und er wurde über eine Wiese gefahren! Nun stieg
doch tatsächlich einer dieser Mannen in seine Behausung
ein. Aufgeregte Rufe begleiteten die Sache, das Stimmengewirr
nahm langsam ab, Nervosität lag in der Luft. Eine Stimme
versuchte dem Passagier seines Hauses, der hatte so eine Brille
und einen Schafffellhut an, Mut zu machen, vor was wohl nur?
Einzelne, dafür umso markantere Rufe konnte er wahrnehmen
und dann fing's an zu rumpeln und zu schütteln. Irgendwie
war es so, als würd's ihn an die Wand seiner Höhle
pressen! Und dann wurde es still, ein neues, unbekanntes Gefühl
machte sich breit! Ganz so still war's ja nicht, eher ein Rauschen,
ein Säuseln und er hörte seinen Passagier Laute von
sich geben. Manchmal aufgeregt, fröhlich, ja sogar mal ein
Jauchzer, aber da waren auch besorgten Laute, auch ein wenig
Angst meinte er zu spüren. Und es wurde ihm flau im Magen,
unserem Holzwurm, immer übler wurde ihm! Er musste sich
richtig beherrschen, dass er nicht seinen Magen voller Holzspäne
wieder von sich gab und seine mühsam gepflegte Wohnung in
seiner Holzlatte verschmutzte.
Das Rauschen wurde zu feinem Säuseln und dann begann ein
wütendes Poltern und Schütteln. Er vernahm lauter werdende
Stimmen, aufgeregte Stimmen. Da waren Begeisterungsrufe, Schreie
der Freude, dem Passagier seines Hauses zum ersten Flug gratuliert!
Ja heisst das, dass er nun das erste Mal geflogen war? Jetzt
verstand er das Rauschen und Rumpeln und er konnte sich nun auch
einen Reim drauf machen, warum er vorher beim Stehen immer umgefallen
war! Er ist geflogen, das erste Mal, mit einem Flugzeug, deswegen
war ihm so speiübel und deswegen auch die Aufregung unter
all den Leuten. Ihm wurde bewusst, dass er kein normaler Holzwurm
war, er war ein richtiger Flugholzwurm, zuhause nicht in einem
ordinären Stück Holz, nein zuhause in einer Rippe eines
Flügels eines Grunau Baby's. Als es dann abend wurde, haben
die Mannen ihn und sein Flugzeug wieder versorgt, fein säuberlich,
mit viel Liebe und Sorgfalt. In der Mitte der Scheune, welche
sie Hangar nannten, stand er, zugedeckt mit Tüchern, welche
die Schneidersfrau aus dem Dorf extra für ihn genäht
hatte. Nur abends manchmal, da kamen die Mannen und fummelten
etwas an seinem Flugzeug. Hier noch ein Hölzchen für
den Endanschlag, da ein Röhrlein zur besseren Führung
und dort ein wenig Fett, damit's leichter geht!
Ein Neuer ist gekommen an einem Tag im 1936, viel Latein wurde
erzählt, bevor das stolze Baby wieder auf die Wiese geschoben
wurde. Unruhige Stimmen hörte er, ob das nicht zu gefählich
sei, ob die Flügel das auch aushalten werden, und ob der
Pilot dabei wohl nicht die Besinnung verliere? Aber die sichere
Stimme des neuen Piloten verkündete, er habe das schliesslich
gelernt, mit einem richtigen Instruktor, das sei nichts neues
und das Flugzeug sei geradezu gemacht, um Kapriolen an den Himmel
zu zeichnen. Was sie damit wohl nur meinten? Nun, der Start war
geglückt, das Gefühl unserem Holzwurm vertraut. Ein
bisschen viel im Kreis flog der neue Pilot und dem Holzwurm wurde
schon komisch, so als wenn die Luft nun dünner würde.
Das sonst so dezente Rauschen wurde lauter, so dass er sich ernsthaft
begann, Sorgen zu machen! Aber plötzlich wird ihm wirklich
komisch in der Magengegend! So ganz neue Gefühle, s'war
plötzlich so, als wenn der Magen selber fliegen würde!
Sein Körper wurde so schwer, dass er nicht mehr stehen konnte.
Und mit Staunen hörte er den Piloten Jauchzen, als wenn
dieser Zustand etwas schönes wäre! Auch ächzt
das ganze Flugzeug, es drückt ihn an die Wand und er hört
den Piloten stolz verkünden: weniger als 30 Sekunden! Ihm
unverständlich, denn für ihn hat dieses Gefühl
ein halbes Leben lang gedauert und er war froh, dass das sanfte
Rumpeln endlich die Landung ankündigte! Ganz benommen hörte
er die Jubelrufe, er wurde gefeiert, der Pilot, was der Holzwurm
nun wirklich nicht verstehen konnte, ihm war immer noch ganz
komisch und er konnte sich nur langsam erholen. Auch als die
Fliegermannen das Baby mitsamt unserem blinden Passagier mal
auf das Jungfraujoch schleppten, und es sogar schafften, seine
Wohnung mitsamt einem unerschrockenen Piloten von einem Schneefeld
aus in die klirrende Kälte zu spicken, und das alles mit
der flachdrückenden Beschleunigung eines Gummiseils, war
das nicht gerade das höchste der Gefühle für einen
Wurm, aber die Mannen kamen sich vor wie die grossen Helden!
Die Tage im Schuppen von Wittinsburg waren gezählt, denn
das Flugzeug wurde stolzer Besitz der Segelfluggruppe Basel,
welche sich mit den Fliegern von Sissach vereinigt hatten. Von
nun an stand das Baby, frisch gewaschen und schön versorgt
neben seinem Schwesterflugzeug, dem Baby HB-149, welches durch
seine spektakuläre Landung im Rhein in Basel unerwartet
zum Zentrum der Berichterstattung wurde! Vor allem bedingt durch
die Kriegswirren wurde nun öfters gezügelt, das Sternenfeld,
Birrfeld, Olten Witterswil, Zwingen, Sisseln waren einige der
Durchgangsstationen um dann endlich in Schupfart Ruhe zu finden.
Eines Sonntags, da war vor dem Start wieder mal eine ganz spezielle
Hektik zu spüren, und da war es wieder, das Rumpeln, welches
einen erneuten Start ankündigte. Nun, eigentlich waren es
grad 3 Starts in ganz kurzer Folge, der Pilot versuchte nämlich
zu starten und landete auch gleich wieder, bis er es dann doch
schaffte, die Schwerkraft endgültig zu überwinden!
Aufregung lag in der Luft! Na und die Landung erst, das Rauschen
nahm ein abruptes Ende, es chroste richtig und der Holzwurm war
seiner bisher entgegengesetzten Hauswand plötzlich sehr
nahe! Es rumpelte nicht wie üblich, nein, es war zuerst
mal ziemlich schnell still, und dann wurde es laut, er hörte
Fluchen, ganz schlimmes und auch plötzlich viele besorgte
Stimmen: bist Du verletzt? Ohh, hast Du aber Glück gehabt!
An diesem Tag flog dem Holzwurm sein Baby nicht mehr, und wenn
er aus seinen Wohnungsgängen rausblickte, dann sah er manchmal
Licht, sogar Sonne, wirklich ungewöhnlich! In der folgenden
Woche, da kamen die Mannen jeden Abend in den Hangar und fummelten
und werkten an ihrem Baby. Der unglückliche Pilot habe es
eben zuwenig verstanden, das Hantieren mit dem Ruder, aber zum
Glück könne man's ja reparieren. Deshalb sei es schief
gegangen, er habe zuwenig Platz gehabt mit seinen Knien, den
Knüppel konnt' er nicht genug bewegen, zu lange Beine habe
er, der unglückliche Pilot, der erst Schüler war. Gehämmert,
gesagt, gefeilt und geschliffen wurde bis spät in die Nacht
. Aber am 6. Tag, da waren die Stimmen wieder fröhlich und
man konnte wieder den feinen Geruch von Malz und Hefe schmecken
und alle freuten sich auf das Wochenende.
1996, im Alter von 63 Jahren fing das Lebenslicht unseres Holzwurms
dann an zu flackern. Dann entschlossen sich die beiden SGB-Mannen,
Oski Schumacher und Bruno Meier, dem Baby HB-87 weitere Jahre
der Flugtüchtigkeit zu schenken und dieser Schritt sollte
für unseren Holzwurm das letzte Erlebnis bedeuten! 6 verschiedene
Farbschichten wurden abgelaugt, 4kg Farbe wurde im Schnitt pro
m2 runtergekratzt, die ganze Bespannung wurde entfernt, ein Lärm
war das und ein Gestank, hätte unserem Wurm fast das Leben
gekostet! Richtig brisant wurde es erst nach dem Austuchen der
Flügel, dann nämlich erst wurde klar, wie stark Feuchtigkeit
und der Zahn der Zeit an der Stubstanz genagt haben. Einzelne
Rippen konnte man einfach rausnehmen, auch sahen die beiden Flügel
innerlich nicht identisch aus! Unzählige Reparaturen als
Folge von allzu schrägen Landungen haben mit der Zeit zu
einer mit Farbe überdeckten Asymetrie geführt. Eine
wahre Herausforderung für die beiden Idealisten, aber auch
eine Nummer zu gross! Zum Glück kannte man den Wehrli Peter,
aus der Vergangenheit schon oft ein Engel in der Not, so brauchte
es nicht allzuviel Überzeugungskraft, um sein Holzwissen
und seine Erfahrung mit historischer Technologie praktisch anzuwenden.
Dass fast 1 Meter der Flügelnase komplett neu aufgebaut
werden musste, das hat unserem Holzwurm den Garaus gemacht. So
in einem unbeachteten, morschen Stück Abfallholz, nein so
wollte er nicht weiterleben! Ohne sein Baby, ohne all die unzähligen
gemeinsam durchgestandenen Abenteuer wollte er einfach nicht
mehr, hat sich gemütlich hingesetzt und ist eingeschlafen....
Beschläge wurden ausgebaut, revidiert, gespritzt, Rollen
gängig gemacht, gerichtet, geprüft und getestet und
zu guter Letzt wurde getucht! Für eine feine Qualität
hat man sich entschieden, edlen Baumwollstoff, kein modernes
Kustoffzeugs, und das vom Schneider aus Hongkong, extra eingeflogen
für unser Baby. Die Praxis beim Nähen musste erst unter
tatkräftiger Anleitung und Mithilfe von Peter's Frau Christine
wieder erneut eingeübt und praktiziert werden, wie soll
man bei Kustoffflugzeugen auch Nähroutine kriegen? Nach
der bisherigen Arbeitsqualität war bald klar, dass da nicht
gepinselt, sondern professionell gespritzt werden sollte! Rumpf,
Stabilo und Flügelnasen wurden mit gelber Permahydfarbe
gespritzt. Der Rest wurde mit transparentem Acryllack überzogen,
so dass der filigrane Flügelaufbau mit seinen Spanten, bei
Sonnenschein dem Betrachter am Boden nicht verborgen bleibt!
An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank, Peter, auch an die
familiäre Gastfreundschaft während doch einigen Nachtschichten;
obwohl Dein heutiges Gebiet das Harz und deren Komponenten sind,
hast Du unserem Baby wieder ins Holz geholfen!
Unser neues Baby feiert von nun an mit Millionen von Menschen
seinen Geburtstag, es wurde nach seiner Wiedergeburt erstmals
wieder gewogen am 4. Juli 1998, born on the 4th of july! Nicht
etwa in einem windigen Schuppen wie damals, nein, sondern in
vollem Stolz in der Werkhalle der Crossair auf dem Euroairport
Basel, Flügel an Flügel mit einer Saab 2000. Na ja,
der Saab war sich wohl einer gewissen Überlegenheit bewusst,
aber, hätt' man ihn nicht bald auf den regennassen Tarmac
geschleppt, ich glaub' er hätt' sich in unser Baby noch
verliebt. So stolz und unbefleckt ist es da gestanden, in seinem
gelben Tuch und ganz ohne diese pickelartigen Nieten, wirklich
eine Augenweide!
Aber auch unser Baby muss mal fliegen lernen, am 21. Juli 1998
war es dann zum 2.Mal soweit! Ein von der Lokalpresse begleiteter,
sichtlich aufgeregter Bruno Meier liess mit Schlepper's Hilfe
unser Baby nach wenigen Roll-Metern sanft der Schwerkraft entfliehen.
Und es beherrschte sein Element noch immer, nur noch schöner,
noch eleganter, irgendwie erhaben! Nach der Landung standen sie
zusammen, die 3, sichtlich bewegt und vermutlich haben sie alle
dasselbe gedacht, das Baby, der Osky und der Bruno: Arbeit war's,
so an die 800h, verdammt viel Arbeit, gekostet hat's auch einiges,
aber Freude machts, und eigentlich bist Du mir nun so richtig
an's Herz gewachsen!
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