Sauerstoffmangel
 

In der Unterdruckkammer des FAI in Dübendorf

Am 15.4.97 um 10 Uhr treffen Simon und ich in Dübendorf ein, wo wir, dank der Organisation Fredy Schaffners, die Unterdruckkammer des FAI testen können. (Oder sie uns?)

Nach kurzer Anleitung und dem obligatorischen Gesundheitscheck, unsere zwei Vorgänger verlassen die Kammer eben etwas verwirrt, wie uns scheint, ist die Reihe an uns. Mit aufgeschnallten Kopfhörern und herunterbaumelnder Maske, gegenüber Dr. Hauser, Chefarzt des FAI (mit O2) sitzend, harren wir der Dinge, welche wir theoretisch ja schon wissen.

Ziel des Anlasses ist: Welche Anzeichen verspüre ich ganz persönlich bei eintretendem Sauerstoffmangel.

Ohne lange Erklärungen beginnt unser Aufstieg durch die entstehende Wolke. Es wird merklich kälter. Auf das Protokoll vor uns schreiben wir unsere Adresse und beginnen mit der Ausführung des Arbeitsauftrags: "Zählen sie von 1000 immer drei weg, und schreiben sie das Resultat in vier Kolonnen."

So steigen wir rasch auf 6500m. Die ersten Beschwerden tauchen auf. Interessant ist, dass diese zwar etwas lästig, aber nicht etwa beunruhigend sind. Bei mir kribbelt es in den Händen, und ich habe ein komisches Gefühl ums Schlüsselbein herum, Simon beobachtet bei sich ein Wärmegefühl im Kopf. Beide realisieren, dass das Schreiben nicht mehr so leicht fällt. Wir versuchen zu spüren, was mit uns geschieht, das ist ja auch das Ziel unseres "Ausflugs". Nach kurzer Zeit macht mich Simon auf unsere blauen Fingernägel aufmerksam. Bei Simon stellt sich eine leichte Farbsehstörung ein, die er aber nur bemerkt, weil er eben auf diese Veränderungen besonders achtet.

Dr. Hauser, wir sind nun auf 7500m angelangt, erteilt uns einen neuen Arbeitsauftrag. Gleichzeitig markiert er die Stelle auf dem Protokoll und drückt auf seine Stoppuhren. "Rechnen sie schriftlich: 65 x 56". Nach kurzer Zeit unterbricht Dr. Hauser unsere Rechnerei, setzt wieder eine Markierung, stoppt die Uhren, und wir müssen nochmals unsere Adresse schreiben. Ich bin in diesem Moment etwas wütend über mich selbst, da ich realisieren kann, dass meine Rechnungen wahrscheinlich falsch sind, und ich es nicht fertig bringe, diese für mich alltägliche Aufgabe richtig zu lösen.

Ich ahne auch, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis mein "Lebensfaden" reisst. Dies stört mich aber keineswegs, es ist kein Lebensgefahr signalisierendes Gefühl wie Angst, Schmerz oder Atemnot vorhanden.

So schreibe ich also meine Adresse nochmals. Bei der Telefonnummer angelangt, beginnt mir Dr. Hauser die Maske aufzusetzen.

Nun schreit er mich an.... Was mache ich falsch?? "Atmen", schreit er. Warum?...

Ich habe vergessen, selbständig einzuatmen!!

Nach mehrmaligem Anrufen nehme ich den ersten Schluck Sauerstoff.... und bin wieder ganz da.

Während des Abstiegs besprechen wir die Resultate und erschrecken:

- Schon während des Aufstiegs passieren Fehler, welche uns im Alltag nie passieren würden. Auch die Kontrollmechanismen versagen. 901 - 3 = 998 !!

- Für die Rechnung 65 x 56 = brauchen Simon 10 und ich 15 Minuten. (Wir schätzen die verstrichene Zeit auf 2-3 Minuten)



- Typische Saurstoffmangelsymptome sind Wiederholungen (die man nicht bemerkt), so bei mir im letzten Rechnungsversuch und bei Simon in der Adresse.


- Diese Wiederholungen steigern sich. Das Wort Ettingen hat etwa 13!! Buchstaben.

So würde es richtig aussehen:


- Dass ich sogar das Atmen "vergesse" zeigt, wie alle überlebenswichtigen Kontrollen versagen.

- Sowohl Simon wie ich haben jederzeit unsere Leistungsfähigkeit und unsere Kontrollmechanismen überschätzt.

Wir waren ca. 35Minuten in der Unterdruckkammer.

Dr. Hauser macht uns noch darauf aufmerksam, dass diese Resultate nicht nur von der Höhe, sondern auch von der Zeit abhängig sind. Über 4000m treten bei allen Piloten ohne Sauerstoff Symptome auf, die sie selbst nicht realisieren und ganz sicher nicht kontrollieren können. (Auch der Kollege im Doppelsitzer kann es nie!)

Ich hoffe mit meinem Beitrag zeigen zu können, wie fatal die Auswirkungen akuten Sauerstoffmangels in der Fliegerei sind.

Sämi Lerch